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Pommersche Evangelische Kirche
Reformator Johannes Bugenhagen (1485 - 1558) - Gedenken 2008

Erklärung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche Greifswald am 500. Geburtstag von Johannes Bugenhagen – 450 Jahre nach der Einführung der Reformation in Pommern



Landessynode 1985. Foto: Th. Helms

In Dankbarkeit vor Gott und in ökumenischer Verbundenheit gedenkt die Evangelische Landeskirche Greifswald unter dem Leitwort „Durch den Glauben reich sein – Reform und Ordnung aus dem Wort“ des 500. Geburtstages von Johannes Bugenhagen, dem „Doctor Pomeranus“ und des Beginns der Reformation in Pommern vor 450 Jahren.

Dieses Gedenken verbindet uns mit unserer Geschichte, lässt über unsere Gegenwart nachdenken und auf Wege hoffen, die in die Zukunft führen. Reformation ist kein abgeschlossenes historisches Ereignis. Sie geschieht auch heute unter der Zusage an sein Volk. Entscheidend für alle Erneuerung der Kirche sind nicht menschliches Wollen und Handeln, sondern Gottes Treue zu seiner Gemeinde. Diese Treue ist durch Jesus Christus verbürgt. Im Vertrauen darauf stellte Johannes Bugenhagen seinen Lebensweg unter ein Leitwort, das bis heute als Ruf zum Glauben an Jesus Christus seine Kraft nicht verloren hat:

„Wenn du Christus recht kennst, ist´s genug, wenn du sonst nichts kennst.“

 

I. LEBEN UND ZUKUNFT SCHENKT GOTT – durch sein Wort

 

Dieser Ausgangespunkt reformatorischen Glaubens erscheint dem Denken und Glauben unserer Generation als eine ernste Zumutung. Die Reformatoren fordern uns heraus, vor unserem Fragen und Wollen auf das Wort Gottes zu hören, das in der Heiligen Schrift bezeugt und in der Gemeinde Jesu verkündigt wird.

Wir wollen echtes, aufrechtes, hoffnungsvolles Leben – und werden auf Jesus verwiesen, den Menschen zu Tode quälten und dessen Kreuz unser Neun zu Gott als unsere tiefste Not enthüllt. Wir suchen sinnvolles, erfülltes Leben – und entdecken unter dem Wort des lebendigen Gottes, dass der gekreuzigte Jesus uns Gottes Liebe und Vergebung schenkt. Wir bangen um das Leben der Menschen und Völker – und werden unter Gottes Wort nach unserer Gottesfurcht gefragt. Wir sehnen uns nach einem Leben in Freiheit und Gerechtigkeit – und werden zu dem auferstandenen Herrn Jesus Christus gerufen, der aus lähmender Angst befreit und mit der unbeirrbaren Hoffnung erfüllt, dass die vielen Gestalten des Todes nicht das letzte Wort über unser Leben sprechen. Das reformatorische Glaubenszeugnis wird zur Frage an uns, ob wir die großen Taten und Zusagen Gottes ernst nehmen oder doch unter der Hand unserem eigenen Tun und Wollen den Vorrang geben.

Aber ist es heute nicht viel schwerer, an Gott zu glauben als vor 450 Jahren? Sicherlich halten Säkularismus und Atheismus ihre Ernte. Längst nicht alle Menschen haben heute einen Zugang zum Glauben an Gott. Diese Tatsache ist für uns ein schmerzhaftes Rätsel, und doch ist zu jeder Zeit der Glaube ein Geschenk von Gott. Nur im Hören auf sein Wort öffnen sich die Türen zum Glauben, wann, wo und wie Gott selbst es will. Wer immer durch Gottes Gnade den Weg zum Glauben findet und ihn geht, hat auch Leben und Zukunft. Darum werden wir durch den Glauben so reich. Die große Hoffnung, die Johannes Bugenhagen in das Lesen der Heiligen Schrift, das persönliche Gebet und die Fürbitte gesetzt hat, erinnert uns daran, dass wir nur im stetigen Hören auf unser Fundament neue Überzeugungskraft finden werden. Wir spüren, wie oft wir Gottes Wort zuwenig zurauen. Die Reformation stellt uns die ernsthafte Frage, ob unser Umgang mit der Heiligen Schrift nicht zu oberflächlich und kleingläubig, unser Gebet nicht zu hoffnungslos und kleinmütig geworden ist. Die Erwartungen von Menschen an die Kirche, Fragen nach dem Glauben heute, Ängste um die Zukunft und alle Sehnsucht nach Leben weisen uns an das Wort der Heiligen Schrift. Wir haben keine Antworten und Rezepte, aber Gott heißt uns, dass wir Leben und Zukunft finden werden im immer neuen Hören auf sein Wort.

 

II. LEBEN UND ZUKUNFT SCHENKT GOTT – in seiner Gemeinde

 

Viele Gemeinden leiden darunter, dass sie kleiner werden. Auch der Gottesdienst scheint an Kraft und Bedeutung zu verlieren. Die Reformatoren bezeugen uns: Gott allein baut Kirche durch sein Wort und Sakrament. Er verspricht der Gemeinde Leben und Zukunft. Unter den Verheißungen der einen Taufe entdecken wir uns als Schwestern und Brüder. In der Gemeinschaft des Glaubens wird der Gottesdienst mit dem heiligen Abendmahl zur Mitte der Gemeinde Jesu. Miteinander treten wir hier dankend vor Gott. Wir lassen uns von ihm für unseren Auftrag im Alltag segnen und senden.

Die Gemeinschaft des Glaubens wird heute in vielfältigen Formen des Gemeindelebens erfahren. In kleinen Gruppen und Hauskreisen kann das Evangelium oft neu und überraschend seine Kraft erweisen. Wir sollten offener und einfallsreicher dafür arbeiten, dass Menschen in der Gemeinde heimisch werden.

Für Zeugnis und Dienst unseres Glaubens brauchen wir den gegenseitigen Rat und das vertrauensvolle Gespräch in der Gemeinde. Die Einsicht in die große Bedeutung des brüderlichen Beistandes gehört für uns zum wertvollen Erbe des reformatorischen Aufbruchs und des Wirkens von Johannes Bugenhagen. Es gibt immer mehr Menschen, die nicht im Kontakt zur Kirche leben und doch dankbar sind für unser verstehendes Zuhören und Reden. Offenheit füreinander hilft zu Geborgenheit und Verständnis in der Gemeinde und über die Grenzen der Gemeinde hinaus. Seelsorge wird sich freilich nie mit dem Erlebnis von Gemeinschaft zufrieden geben. Sie wird in Freud und Leid unter das Kreuz Christi führen.

Weil das Evangelium Menschen sucht und sich wie Jesus dem einzelnen zuwendet, erkennen wir neu die große Bedeutung der persönlichen Fürbitte und des Hausbesuches im Dienst der Pfarrer, Mitarbeiter, Ältesten und der gesamten Gemeinde. Jesus Christus ist allein der Herr der Kirche. Er begegnet uns auch in Zweifel und Unzulänglichkeiten, in Müdigkeit und Ratlosigkeit mit seinem Trost. Er weist uns den Weg und lässt uns gemeinsam „durch den Glauben reich sein“.

 

III. LEBEN UND ZUKUNFT SCHENKT GOTT – im Zeugnis des Glaubens

 

Die Gewissheit, dass der Glaube an Jesus Christus gestörtes und bedrohtes Leben heilt, lässt er Gemeinde Jesu keine Ruhe. Unser Herr sendet uns zu allen Menschen. Jeder Generation und jeder Gesellschaft, jeder Kultur und jeder Bevölkerungsschicht schulden wir die frohe Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes in unserer Welt.

Für diese Aufgaben braucht die Gemeinde Pastoren und viele Mitarbeiter. Wir freuen uns, dass mehr und mehr junge Männer und Frauen eine Ausbildung für einen kirchlichen Beruf beginnen. Wir bitten Gott, dass er viele Arbeiter in seine Ernte sendet.

Die Verkündung des Evangeliums durch kirchliche Mitarbeiter und der Zeugnisdienst der ganzen Gemeinde gehören eng zusammen. Familie, Beruf und Gesellschaft sind Bewährungsfelder für die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses und Dienstes. Heute erst recht sind alle Gemeindeglieder zu Missionaren Gottes in unserer Zeit und in unserem Land berufen, die Gottes Angebot für Leben und Zukunft weitersagen und weitergeben. Wer das Evangelium bezeugt, wird selber reich beschenkt und hilft anderen „durch den Glauben rein“ zu sein.

Die Übertragung der biblischen Botschaft in die niederdeutsche Sprache lässt uns erkennen, wie sehr es Bugenhagen als theologischen Arbeitsauftrag verstand, Menschen dort zu begegnen, wo sie leben. Für uns bedeutet das, in den verschiedenen Formen der Verkündigung nach einer Sprache zu suchen, die, ohne den Inhalt zu verkürzen, dem Verstehen und Annehmen des Glaubens dient.

 

IV. LEBEN UND ZUKUNFT SCHENKT GOTT – im Dienst für die Welt

 

Die Reformatoren schärfen uns den blick für die Menschen neben uns, indem sie uns aus Gottes Wort bezeugen, dass wir alle vor Gott mit leeren Händen als Sünder dastehen und doch zugleich von der einen Liebe Gottes leben. Dadurch werden die Menschen, die mit uns Gottes Erde bewohnen, unsere Nächsten. Unsere gemeinsame Zukunft liegt in Gottes Hand. Unser Glaube wird in der Liebe tätig und übernimmt Verantwortung für die Welt. Dazu brauchen wir Mut und Fantasie, Opferbereitschaft und Geduld. Die Nachfolge Jesu ist auf Frieden durch Versöhnung, auf Gerechtigkeit durch brüderliches Tun ausgerichtet.

Dienst für die Welt ist in unserer Zeit der vielfältigen Gefahren und Bedrohungen in besonderer Weise herausgefordert. Die Einsicht in Gottes gute Schöpfung und die Gewissheit, dass Jesus Christus Wege zum Frieden auch auf dieser Erde geebnet hat, werden uns helfen, diese Herausforderungen anzunehmen. All unser Dienst mündet immer wieder in das Gebet für die Welt und empfängt hier neue Kraft.

Bei der Besinnung auf das reformatorische Erbe ist es eindrucksvoll, wie dort stets – nicht zuletzt in den Kirchenordnungen Bugenhagens – das Hören auf Gottes Wort und die verantwortliche Tat des Glaubens in den verschiedenen Bereichen gesellschaftlichen Leben seng und selbstverständlich zusammengehören. Nehmen wir die Dörfer und Städte, in denen wir leben, aus Gottes hand als den Ort zur Bewährung der Nachfolge Jesu an? Aus dem Reichtum des Glaubens überall die Tat der Liebe und der Wahrheit wachsen zu lassen ist unsere Aufgabe.

Wir sind dankbar dafür, dass das diakonische Handeln der Kirche ein Zeichen der Liebe Gottes zur Welt geworden ist. Wir lernen mehr und mehr, dass unsere eigene Fürbitte und Opfergabe, unsere Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe und finanzieller Mitverantwortung unverzichtbare Ausdrucksformen christlichen Lebens sind.

Daher kann es uns nicht in ruhe lasse, dass es uns nur so schwer gelingt, unsere Lebensgewohnheiten so zu ändern, dass allen Menschen eine bewohnbare Erde erhalten bleibt. Wir sind betroffen darüber, dass nur langsame Schritte des gegenseitigen Vertrauens gegangen werden, die auf eine internationale Friedensordnung mit gemeinsamer Sicherheit für alle Völker gerichtet sind. Das Vertrauen auf Gott als den Herrn der Geschichte schenkt uns Freiheit zu kleinen Schritten und Mut zu großer Hoffnung. Dem Leben in Gerechtigkeit und Frieden gehört nach Gottes Verheißung uneingeschränkt die Zukunft. Inmitten unseres Tuns auf dem Wege zu diesem Ziel warten wir auf die alles erneuernde Tat Gottes.

 

V. LEBEN UND ZUKUNFT SCHENKT GOTT – in Versöhnung und Vielfalt

 

Das Evangelium findet bis heute verschiedene Antworten des Glaubens. Dankbar erfreuen wir uns der großen ökumenischen Gemeinschaft, in der wir durch die eine heilige Taufe stehen. Auch wenn wir darunter leiden, dass es trotz vieler Bemühungen noch nicht gelungen ist, die Spaltungen innerhalb der weltweiten Christenheit zu überwinden, lernen wir, unterschiedliche Glaubens- und Frömmigkeitsformen als Gestalten des einen Wortes Jesu Christi und seines ganzen Reichtums anzunehmen. Der Heilige Geist weist uns immer neue Wege zueinander. Er lässt uns ehrlich um eine Versöhnung des Gottesvolkes bemüht sein und leitet uns an, bestehende Unterschiede nicht einfach zu verwischen, sondern stetig und redlich das verbindende Gespräch zu suchen. Dann erfahren wir die ökumenische Vielfalt nicht als Belastung, sondern werden auch darin „durch den Glauben reich“. Dennoch hoffen wir auf eine sichtbare Gestalt der einen heiligen christlichen Kirche, an die wir glauben.

Schon die verschiedenen Gaben der Reformatoren – angefangen bei Martin Luther und Johannes Bugenhagen – entdecken wir als einen Reichtum der evangelischen Kirche. Das Gedenken an Johannes Bugenhagen stärkt unsere Freude über die gemeinsame Geschichte unter dem Evangelium mit unseren Nachbar- und Partnerkirchen.

 

VI. LEBEN UND ZUKUNFT SCHENKT GOTT – durch Vergebung unserer Schuld

 

Je dankbarer wir uns der Reformation erinnern, desto mehr öffnet uns Gottes Wort die Augen für unser eigenes Versagen. Allzu oft wurde auch in unserer evangelischen Kirche das Evangelium verdunkelt. So schwer fällt uns oft noch das mutige Ja zu einem Leben als Kirche mitten in dieser Welt. Lieblosigkeit und Streben nach Sicherheit durch Bündnisse mit den Mächtigen der Zeit, vorurteile und falscher Gehorsam haben dem Reichtum des Wortes von der Versöhnung oft genug in das Gegenteil verkehrt. Von Vertrauen haben wir viel geredet – haben wir es auch selbst gewagt? Steht das Hören auf Gottes Wort und Willen in unserer Kirche an erster Stelle? Lassen wir uns darauf ein, dass Jesus uns mit dem Anbruch seines Reiches schon jetzt herausfordert zur Mitarbeit an einer Welt, in der Vertrauen gegen Abschreckung, Wahrhaftigkeit gegen Heuchelei, Solidarität gegen Unmenschlichkeit gewagt wird? Staunend erkennen wir, dass trotz all unseres Versagens inmitten unserer Geschichte als Kirche Jesu Christi die Treue Gottes aufleuchtet. Miteinander bitten wir um Vergebung unserer Schuld.

Wir haben das Vertrauen, dass Gott, der Herr, auch in unsere Zeit unter dem Wort des Evangeliums seine Kirche in die Zukunft führt. Wir bitten Gott, dass er aller Welt den Reichtum des Glaubens schenkt und das fortführt und vollendet, was Jesus Christus begründet hat: Brüderlichkeit und Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit, Leben und Zukunft.

 

Greifswald am Tag Johannes des Täufers,

dem 24. Juni 1985