Reformatorische Wende
![]() Martin Luther: De captivitate Babylonica ecclesiae preaeludium (1520) |
Bugenhagens Hinwendung zur Reformation erfolgte im Jahre 1520. Seit 1517 hatte das „lutherische Lärmen“, wie Luther die damaligen Vorgänge einmal genannt hat, begonnen. Im Herzogtum Pommern hat man spätestens 1518 davon gehört. Ende Oktober/Anfang November 1520 traf sich die Treptower Geistlichkeit im Hause des Pfarrherrn von Marien, Otto Slutow. Der dabei die ihm soeben aus Leipzig geschickte Schrift Luthers „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ präsentierte. Hierin unterzog Luther auf Grundlage des Neuen Testaments die in der Sakramentslehre und –praxis verankerte Macht der römischen Kirche einer Kritik. Bugenhagen gab zu verstehen, daß diese Schrift für ihn die greulichste Anfeindung der Kirche und ihr Verfasser als der ärgste und schändlichste Ketzer sei, den es in der Kirche Christi jemals gegeben habe.
Doch die mehrtägige gründliche Auseinandersetzung mit dieser Schrift kehrte Bugenhagens Urteil völlig um. Nach etlichen Tagen habe Bugenhagen „mit Frohlocken“ vor der Treptower Geistlichkeit gesagt: „Was soll ich euch viel sagen? Die ganze Welt ist verblendet und in die äußerste Finsternis verstrickt. Dieser einzige Mann sieht allein die rechte Wahrheit.“
Bugenhagens Zuwendung zur Reformation wurde der Auslöser für die reformatorische Wende der Mehrzahl seiner Kollegen in Treptow a.d. Rega und Belbuck.
Im Wortlaut: David Chyträus (1589)
Zu Treptow aber an der Rega gieng es also an: Lutherus hatte Anno 1520 ein Buch geschrieben / deß Titel war de Captiuitate Babylonica, in welchem er insonderheit die Lehr von den sieben Sakramenten (wie man sie für alters zehlen pflegte) handelt vnd widerleget / dasselbe Buch / wie alle anderen Schriften Lutheri war mit grosser begierd angenommen vnd herum geschickt: Also ward es auch von einem guten freunde zu Leipzig wohnhafftig gen Treptow an Ottonem Slutovium einen führnemen mann vnnd Obersten Pfarherrn derselben Stadt geschicket: bey demselben weil stets auß vnd eingieng der Rector Scholae vnnd seine Collegen, auch bei jhme Tisch hielten / giebt er jhnen das Buch zu lesen / insonderheit aber dem Rectori Bugenhagen / weil desselben Kunst vnnd scharpfsinnigkeit für andern jm bekant war / daß ers lesen möchte vnnd jm seine Meynung hernach / wenn ers gelesen hette / darauf sagen / derselbe nimt es also vber Tisch an / kucket hinein vnd ließ etliche Bletter in der eyl / vnd wie ers in der eyl durchblettert hat / sagt er auch vnbedacht vnd in der eyl diese seine meinung drauff / es weren zwar viele Ketzer seid hero nach Christi Tod gewesen/ aber kein schädlicher Ketzer wäre jemals entstanden / als eben der diß Buch gemachet hette / vnnd erzehlet drauff her / wie viel newes / dinges / er wider die alte und verjahrete meinung der kirchen auffbrechte vnd lehrete.
Nach diesem nimt er gleichwohl das Buch mit sich anheim /dasselb fleissiger zu lesen vnd zu betrachten / welches nach dem ers etliche Tage turtz gelesen vnd wider gelesen hatte / wird er eines besseren bedacht / vnd als er mit seinen Gesellen wider zu Tische kömmet / spricht er:
was sol ich euch wol sagen / die ganzte Welt liegt in eusserster Blindheit / aber dieser Mann alleine siehet die Wahrheit /
fieng daraf an das Buch in allen Hauptstücken durch zu disputiren / davon zu lesen vnd vnterricht zu thun / biß er viel anderer als Johan Kyrich / Johan Lotich / Christian Ketelhut / ja auch den Abt zu Belbuck (welches das nechste Kloster war drauß die Stadt Treptow gebawet) / Johan Boldewan selbst auff seine meinung brachte / vnd bekehrete / also daß sie sich einhelliglich abwendeten von den alten aufflagen vnd Mißbräuchen zu dem einigen Seligmachenden wort Gottes in der Bibel verfasset.
Aus: Daniel Cychträus: Newe Sachssen Chronica, Buch III, S. 23 f.
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