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Pommersche Evangelische Kirche
Reformator Johannes Bugenhagen (1485 - 1558) - Gedenken 2008

Auszüge aus Bugenhagens Sendbrief an Frau Anna, geborene Herzogin von Stettin in Pommern

Anna von Pommern, eine Tochter Herzog Bogislaws X., war 1515 mit Herzog Georg I. von Liegnitz vermählt worden. Bugenhagen erfuhr vom evangelischen Sinn der Fürstin und schrieb ihr, um sie in ihrer Glaubenserkenntnis zu fördern. Zugleich hoffte er wohl, mittelbar Einfluss auf die kirchliche Entwicklung auch in Pommern nehmen zu können. Bogislaw starb im Oktober 1523. In der Regierung folgten ihm seine Söhne Georg und Barnim. Barnim schien der Reformation zuzuneigen. Der Brief an die Herzogin Anna wurde 1523 „Sassesch gedruckt tho Wittenberch“ und dann noch einmal im folgenden Jahr.

 

Der Durchlauchten hochgebornen Fürstin und Frauen, Frau Annen, geboren zu Stettin in Pommern, Herzogin in Schlesien zu Löben, meiner gnädigen Frau. Gnade und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesu Christo!

 

Dass ich mich bekümmert hab, Ew. Gnaden zu schreiben, ist nicht geschehen um zeitlicher Ehre willen, denn Christus musste selbst um der Wahrheit willen an´s Kreuz. Ich hab´ auch nicht gesucht Geld, Gunst, Meinung der Weisheit, der Heiligkeit und Gläubigkeit – ich meine ja, dass ich in allen den Stücken gegen E. G. unverdacht sei - sondern zum ersten hat mich gedrungen christliche Liebe, die suchet nicht eigenen Nutz und Vorteil, sondern der andern; danach auch, dass ich mich erkenne E. G. untertan, denn ich bin ein Pommer geboren, nicht unbekannt im ganzen Lande. Ist nun billig, dass man achtet seines Fürsten und seiner Fürstin Gut, Land, Ehre und Glück, und darum waget Gut, Leib und Leben, wie sollt es denn nicht viel besser sein, dass man acht habe auf seiner Obrigkeit Seelen Seligkeit? Das will ich nun tun, so viel als Gott E. G. und mir in diesem Handel gnädig und günstig sein wird.

 

Gnädige Frau, ich bin sehr erfreut, dass ich von E. G. viel gutes Gerücht höre, dass E. G. einen Christennamen habe, und sei eine Liebhaberin des heiligen Evangeliums unsers Herrn Jesu Christi. Darum ich bitte und begehre von Gott unserm Vater durch unsern Herrn Jesum Christum, dass er gute Namen gelten möge vor dem Angesicht Gottes, dass E. G. in der Wahrheit vor Gott das sei, das ich von den Leuten höre, das ist, das E. G. von ganzem Herzen Christ sei und mit aller Zuversicht auf Gott allein sich verlasse und auf keine andere Kreatur noch im Himmel, noch auf Erden, und dasselbige in aller Anfechtung, Widerfall, Not, Sünde, Angst des Todes und der Hölle. Dies ist der rechte Grundglaube an Christum, durch welchen wir eine Zuversicht haben, dass Gott nicht unser strenger Richter ist, sondern unser gnädiger Vater, und wir seine lieben Kinder. Ein solch erleuchtet Herz kann nicht lassen, es muss herausbrechen und dienen seinen notdürftigen Nächsten in Leibes oder der Seelen Notdurft mit Worten, Lehren, Trösten, Essen, Trinken, Bekleiden, Geld, Gut und so es Not ist auch mit Leib und Leben. Dies ist die rechte Liebe aus dem vorigen Glauben, dies sind die rechten guten Werke, die Christus am jüngsten Tage wird bekennen, dass sie ihm selbst geschehen seien, wie er spricht Matthäus im 25. Kapitel.

 

Diese zwei Stücke, der Glaube zu Gott, die Liebe gegen seinen Nächsten, sind ein rechtes Christenwesen. Durch den Glauben sollen wir selig und Kinder Gottes werden, als geschrieben ist Johannes 1 und 3. Durch die Liebe beweisen wir vor der Welt, ja auch vor uns selbst, dass der Glaube im Herzen recht ist und kein gedichteter Glaube. Der Glaube macht selig und nicht die Werke, gleich als selig ward der Schächer am Kreuz. De rechten Werke aber, davon wir gesagt haben, werden williglich folgen, so anders der Glaube recht ist. Ist der Glaube nicht recht, so werden auch da wohl Werke sein, aber es werden Tandwerke sein, von Menschen erdacht, dazu man kein Gottes Wort hat, dass man könnte sicher sein, dass die Werke Gott gefallen, die Gott nicht begehrt oder will, denn sein Wort und sein Geist fordert sie nicht von uns, und sind also weder Gott angenehm, noch den notdürftigen Menschen nütze. Solche Werke sind Heuchelwerke, als die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten, Matthäus 5, und sind nicht Werke des Glaubens, denn die Leute meinen, sie wollen dadurch selig werden und rechnen also die Ehre Gottes den Werken zu. Das kann der rechte Glauben nicht leiden und ist eine Verspottung und Hohnschlagung unsers Herrn Jesu Christi, durch welchen allein wir müssen selig werden, so wir an ihn glauben.

 

Solcher falschen guten Werke in falschem Gottesdienst und in falschem Heiligenleben ist nun die Welt voll, und die rechten guten Werke gegen den Nächsten leiblich und geistlich zu Leibes Notdurft und der Seelen Seligkeit sind gemindert. Denn der rechte Glaube im Herzen, das ist der Geist Gottes, der die rechten Werke fordert, ist nicht bei den Leuten, darum dass sie Gottes Wort nicht annehmen, sondern gern Menschentand und viel erlogene Heiligkeit hören, darum müssen sie verführt werden von der Wahrheit Gottes, als Paulus schreibt 2. Thessalonicher 2. Solche erdichtete gute Werke wird Christus am jüngsten Tage nicht erkennen, sonder er wird dieselben Werke, damit sie meinen selig zu werden, nennen Werke der Ungerechtigkeit und Bosheit. (Matthäus 7, 21 – 23)

Das rede ich, G. Frau, um derer willen, die viel wollen rufen von guten Werken und wissen nicht, was gute Werke sind, und lehren uns, dass wir durch gute Werke sollen selig werden zu einer Schand und Schmach göttlicher Gnade und Barmherzigkeit und dem Evangelium Jesu Christi. Befindet nun E. G. einen solchen Glauben in ihr, der sich allein durch Christum auf Gottes Gerechtigkeit verlässt, und auf keinen eigenen Werke oder Verdienst und doch gute Werke erzeugt gegen den Nächsten umsonst, gleich als Gott uns Gnade und Barmherzigkeit durch Christum erzeiget umsonst, so hat E. G. einen christlichen Namen, ja auch ein christlich Wesen vor den Augen Gottes, und wird angesehen für eine Liebhaberin unseres Herrn Jesu Christi; so aber nicht, so bitte E. G. Gott, dass er durch seine Barmherzigkeit E. G. Herz erleuchte zum Verstand der rechten Wahrheit, denn so Gott nicht lehret im Herzen, ist all unser Lehren vergebens.

 

Hier begehre ich, G. Frau, so Jemand mir wollte geben einen bösen Namen und dadurch E. G. abwenden von dem, was ich schreibe, dass E. G. meinen Namen aus den Augen werfen wolle. Aber ich bitte auch, ‚e. G. wolle aus den Auge werfen den guten Namen derjenigen, die anders reden, und nicht ansehen, dass sie werden genannt weise, mächtig, heilig. Es gilt alles nicht in dieser Sache der Seligkeit. Mein böser Name – der doch vor den rechten Christen nicht böse ist – wird E. G. nicht hindern zur Seligkeit; auch wird Ihr guter Name nicht helfen zur Seligkeit. – Es gilt hier allein Gottes Wort. Wer dem glaubt, der stehet wohl. Wer ihm aber nicht glaubt, der wird zu Schanden vor Gott und allen seinen Heiligen. Ja die Menschen mögen sich wohl schmücken mit falscher Heiligkeit. Als die tollen Jungfrauen im Evangelio, die waren auswendig geziert mit aller Frömmigkeit und schmückten ihre Lampen, und gingen dem Bräutigam entgegen. Sie werden nicht Huren sondern Jungfrauen genannt, aber tolle Jungfrauen, darum dass sie im Herzen keinen Glauben durch das Wort Gottes hatten, und die äußere Zierung der Lampen war voll inwendigen Drecks und Gestanks, der ihnen selbst in die Nasen und Augen schlug, da sie allererst und am meisten bedurft hätten, im Licht zu gehen. Lasst ankommen Anfechtung oder den Tod, so findet sich denn, was Heuchelei und erdichtete Heiligkeit, so wird Christus sprechen: Ich kenne euch nicht, denn ihr habt nicht mein Wort, fahret mit der Menschenlehre, die erdichtet ist, in einen erdichteten Himmel; in den rechten Himmel kommt ihr nicht; denn ihr habt nicht die rechte Lehre Gottes. Summa Summarum: ein Mensch gönnt nicht oder lässt nicht geschehen, dass du in sein Haus gehst ohne seinen Willen, wie willst du in den Himmel kommen ohne Gottes Willen? Gottes Willen kannst du nicht wissen, sondern nur Gottes Wort. Lüge und teuflische Lehre ist alles, dass man lehrt zur Seligkeit ohne das Gotteswort unvermengt, klar und rein, die Lehre scheine wie heilig sie kann und wolle …

 

Dass ich nun, G. Frau, also geschrieben habe vom rechten Glauben, von der rechten Liebe oder Werken oder vom rechten Kreuz oder Leiden der rechten Christen habe ich zu untertänigem Dienst E. G. getan, welche ich Gott befehle durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen.

 

E. G. untertäniger Diener, Joh. Bugenhagen aus Pommern, Pfarrer der Kirche zu Wittenberg.