Auszüge aus dem Sendschreiben Johannes Bugenhagens an die Schüler in Treptow
Entschlossen suchte Bugenhagen, nachdem er Luthers Schrift von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche aufmerksam gelesen hatte, die Verbindung zum Reformator. Anfangs war er über die in dieser Schrift geäußerten Gedanken erschrocken. Sie erschienen ihm ketzerisch. Dann aber wurde ihm deutlich: „Dieser Mann allein sieht die Wahrheit!“ Bugenhagen schrieb an Luther. Dieser schickte ihm darauf mit einem Begleitbrief seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Als dann eine Einladung von dem bereits in Wittenberg weilenden, aus Pommern stammenden Peter Suawe eintraf, machte sich Bugenhagen auf den Weg nach Wittenberg. Von dort richtete er, noch ehe er Luther – der wahrscheinlich bereits auf dem Weg zum Reichstag nach Worms war – persönlich kennen gelernt hatte, einen Brief an seine Schüler in Treptow. In diesem Brief wird der von der Reformation aufgegriffene Gedanke von der Rechtfertigung aus dem Glauben bereits nachdrücklich entfaltet.
Der Glaube nun, den die Schrift lehrt, besteht, um es kurz zu sagen, darin, dass du glaubst, Christus, der für uns Mensch geworden ist und gelitten hat, um uns aus den Stricken des Teufels zu erlösen, sei der Wahrhaftige und der Heiland. Aber, sagst du, ist denn das etwas neues? Wo wäre ein Christ so roh, dass er das in Abrede stellte? Das ist´s eben, meine Brüder, was ich bedaure. Niemand ist, der nicht sagt, er glaube recht, und doch handeln viele so, dass nirgends der wahre Glaube sichtbar wird, Christus ist der Wahrhaftige und der Heiland… Glaubst du, dass er der Wahrhaftige ist, so fürchte alles, was er im Evangelium gedroht hat, ergreife alles, was er verheißt. Sonst machst du Gott, soviel an dir ist, zum Lügner.
Nimm aber auch hinzu, dass das Ergreifen der Verheißungen Christi alle Angst vor der Drohungen ausschließt. Denn was soll der fürchten, welcher die Gewissheit hat, Christus der nicht lügen kann, habe ihm so großes verheißen? Den Teufel? Den hat der Christ schon in Christo überwunden! Aber meine Sünde, sagst du, verdammt mich. Das ist wahr. Aber Er sagt: Bittet, so wird euch gegeben. Glaubst du, dass dies Wort wahr sei, so bitte um Vergebung aller Sünden in vollem Glauben, und du wirst sie empfangen.
Halte diesen Glauben fest. Der Teufel sagt: du bist ein verdammter Sünder. Dein Gewissen sagt: du bist großer Sünden schuldig, du hast Verdammnis verdient. Antworte: so ist es, weder der Teufel noch das Gewissen lügen darin. Aber der Teufel sagt: du kannst keine Vergebung erlangen. Dein Gewissen sagt: wenn du nicht dieses oder jenes (Fasten, Wallfahrten usw.) tust, so wird deine Sünde nicht getilgt werden, und beide lügen. Denn beide wollen Christum zum Lügner machen, der Vergebung und Rechtfertigung nicht aus den Werken, sondern aus dem Glauben verheißen hat, wie Paulus dies in seinen Schriften auf´s bündigste lehrt. Aber nachdem derselbe vernachlässigt worden ist, hat man angefangen, dem Volke Dinge einzuprägen, die weit von Christi Vorschriften entfernt sind, so dass man verkehrter Weise glaubt, die Menschen würden durch jene Werke, die sie satisfactionem nennen, gerechtfertigt, da doch allein der Glaube an Christus rechtfertigt. In diesem Glauben bitte von Gott ohne Zagen und Zweifeln. Christus hat nicht gewollt, dass noch etwas hinzugefügt werden müsse, als nur dies eine: „So ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben usw.“ (Matthäus 6, 14 und 15) Und so hat uns beten gelehrt: „Vergib uns unsere Schuld, gleich wie wir vergeben unsern Schuldigern.“ Dies haben wir buchstäblich von Christo empfangen. Höre nicht auf die Fälscher, die es nur von den verzeihlichen Sünden, d. h. wie sie meinen, von den täglichen und leichten verstanden wissen möchten; da doch vor Gott keine Sünde leicht ist, und wir von keiner frei werden können, wenn er selbst uns nicht frei macht. Halte steif und fest, was der Heiland selbst festgesetzt hat, dass du bitten sollst: vergib uns unsere Schulden, nämlich alle; denn er nimmt nichts aus, sondern fügt nur hinzu: wie auch wir usw. Damit du aber auch nicht auf Grund deines Gebets dir anmaßest, bitte Gott, dass er dir die Gnade gebe, aus rechtem Herzen um die Vergebung der Sünden zu bitten: denn, wie Paulus sagt: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen … (Römer 8, 26)
Wenn du also glaubst, dass Er der Heiland ist, so ist es notwendig, dass du dein Heil nicht in irgend etwas anderem suchst, sondern auf Christus allein dein ganzes Vertrauen setzt. Diejenigen glauben also nicht wahrhaft, dass Christus der Heiland ist, die auf ihre Macht, ihre Weisheit, Tugend usw. oder auf ihr Fasten, Zerknirschung, Bekenntnis, Genugtuung vertrauen – Ja ich setze hinzu, auch auf deinen guten Vorsatz und deine rechte Absicht ist nicht zu vertrauen: denn es liegt nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. (Römer 9, 16) …
Nun sagst du: so wird also niemand selig! Das ist´s, was ich von dir wollte. Das Gesetz der Gebote ist gegeben, damit du erkennst, was du Gott schuldig seist, und wenn nun dein Bemühen dich im Stich lässt, genötigt werdest, mit Paulus zu rufen: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen“ usw. (Römer 7, 24) Jesus Christus ist´s alleine, wie derselbe Apostel sagt, der frei macht. Also nötigt die Lehre des Gesetzes die Gnade zu suchen, welche allein durch Jesum Christum selig macht …
Ich kann also von Martinus nicht übel denken, da dieser fast alles aus der Heiligen Schrift handelt, auf deren Worte ich allein geschworen habe. Doch will ich dem Urteil Anderer, besser Unterrichteter nicht vorgreifen, teils weil ich nicht den ganzen Handel (Gemeint ist der damals noch schwebende Prozess in Rom gegen Luther.) übersehen kann, teils weil ich nicht ohne Notwendigkeit mich den Verleumdungen von Leuten aussetzen will, die, je weniger Erfahrungen und Gelehrsamkeit sie besitzen, um so gottloser gegen Christi Lehre schwatzen.
Denn es ist besser, dieselben zu verachten, als ohne Nutzen, ja zum Ärgernis für manchen mit ihnen zu streiten. Doch um einigermaßen eurer Erwartung genug zu tun, empfehle ich euch zwei Büchlein Martini, die ihr sobald als möglich euch kaufen möget: die Auslegung des Gebets des Herrn, gewöhnlich Martini Vater-Unser genannt, ein Buch, wie ich kein besseres jemals gelesen habe, und den Traktat über die zehn Gebote, welcher die Gnade Christi so predigt, dass ein Jeder, der ihn recht gelesen hat, erkennt, dass er daraus viel Licht für das Verständnis der apostolischen Schrift gewonnen habe. Die Lehren Martini darin sind nach meinem Urteil von der Art, dass Paulus sie unbedenklich unterschreiben würde. Diese beiden Büchlein sind so christlich, dass Niemand sie verwerfen kann, der nicht selbst unzweifelhaft ein Feind der Wahrheit ist. Auch glaube ich nicht, dass wegen dieser, sowie wegen anderer Schriften jemals ein Streit entstanden wäre. Außerdem sind einige Sermone zwar kurz aber erstaunlich nützlich. Er wird, wie ich glaube, der Nachwelt Schriften hinterlassen, die er nicht zu bereuen hat …
Wenn jemand nicht an sich selbst und seiner Gerechtigkeit gänzlich verzweifelt, so dass er allein auf die göttliche Barmherzigkeit vertraut, so wird er niemals wahrhaft anfangen, Gott zu lieben, und was ist das anders, als verloren sein, da allein die Liebe geboten ist? Magst du, ohne nach der Vergebung der Sünde suchen und meinen, durch besondere Leistungen diene Sünde los zu werden; du irrst, du bist undankbar gegen Christum, ja gottlos. Hätte nicht dies alles geschehen können vor Christi Tode? So ist also Christus vergeblich für dich gestorben, oder wenn das nicht deine Meinung ist, warum glaubst du, dass er noch der Nachhilfe bedürfe, also ob der, welcher die Sünde der ganzen Welt hinweg nimmt, nicht stark genug wäre, deine Sünde zu vergeben? …
Die Wallfahrten sind unnütz, wie Joh. 21, 18 lehrt, ja schädlich. In der Heiligen Schrift ist Almosen, Fasten und Gebet empfohlen … Von diesen dreien lehrt Christus Matthäus 6. Rücksichtlich alles andern, was es immer sein möge, hüte dich, dass es dich nicht täusche unter einem guten Schein, wie der Dämon von Mittag. Du hast genug an dem Taufbunde, dass du dich nicht zu anderm verbindlich machen darfst, als ob es mit der Taufe vorbei sei.
In Jesu Christo lebet wohl, und bittet ihn für mich, dass ich seiner Gnade würdig werde. Amen.
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